Sie können so manchen Bürger zur Weißglut treiben. Die einzige Kunst mit illegalem Ursprung, Graffiti, ziert in jeder Stadt inzwischen Häuserwände und öffentliche Verkehrsmittel. Während sich Hausbesitzer mit den hohen Kosten der Reinigung auseinander setzen, sehen sich die Sprayer der Graffitis als Künstler und empfinden die Entfernung ihrer
Wandgestaltung als Angriff ihrer Individualität.
Graffiti hat seinen Ursprung in den USA. Mitte der 60er Jahre sprühte ein junger Amerikaner den Namen seiner Freundin an verschiedene Hauswände. Bald darauf sind seine Graffitis in der ganzen Stadt verteilt und es finden sich Nachahmer. Mitte der 80er Jahre kam diese Art der Kunst nach Europa. Berlin an erster Stelle gilt als Graffitistadt Europas. Tag und Nacht werden in Berlin Bahn und Häuserwände besprüht. Der materielle und ökonomische Schaden geht in die Millionenhöhe. Berlin gilt als das Eldorado für alle Kreativen mit einer Sprühdose und einer Botschaft.
Das Graffiti ist oftmals nur ein „Tag“. Es ist ein Namenszug, das selbstgewählte Synonym für die Sprayerszene. Manche sind bis zu 50 m˛ groß. Tags sind dafür da, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Lieblingsobjekte sind zum Beispiel Züge, denn die fahren den ganzen Tag durch die Gegend und das Ziel eines Spayers ist es, seinen Namen durch die Stadt fahren zu sehen oder an verschiedenen Plätzen der Stadt auszustellen.
Während früher Graffiti noch als beauftragte Kunst angesehen wurde geht der Trend heute dahin, seine Duftmarke zu setzen. Es geht nicht mehr um Qualität, wie damals, sondern nur noch um Quantität. Je ungewöhnlicher der Ort und die Häufigkeit des Vorkommens vom jeweiligen Tag, desto größer der Ruhm und die Bekanntheit in der Szene.
Während es sich bei den Sprayern um „Bunter, höher, auffälliger“ dreht, sieht es für einen Bürger manchmal auch einfach nur hingeschmiert aus. Firmen, die sich auf das Entfernen der Graffitis spezialisiert haben, werden immer häufiger von den Städten beauftragt. Erst wird mit Hochdruck gewässert, dann mit Spezialpaste eingegelt und anschließend mit Schwämmen und feinsäuberlicher Handarbeit die Farbe entfernt. Bezahlt wird die aufwendige und kostenhohe Arbeit von Steuergeldern.
Wer beim Sprühen an öffentlichen Plätzen erwischt wird, musst meist Gerichtskosten und Reinigungskosten selbst tragen, doch gerade diese Illegalität gibt den Sprayern den Reiz es weiterhin zu tun, und somit bleibt es bei einem Katz- und Mausspiel zwischen Polizei und Sprühern.
In der Öffentlichkeit werden Graffitis und Namenskürzel als Ausdruck der Wahrlosigkeit wahrgenommen. Wenn ganze Straßenzüge und Verkehrsmittel besprüht und Verkratzt wurden, leidet das Subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Von Kunst mag hier keiner mehr sprechen.
Zwar ist Graffiti inzwischen als Jugendbewegung bekannt, allerdings bleibt es eine Straftat, die vonseiten des Staates auch als solche geahndet wird. Die Suche nach den Tätern ist jedoch meistens ein sehr mühsames Geschäft, und Ermittler suchen inzwischen verdeckt nach den Sprühern. Es ist deshalb notwendig, die Zusammenarbeit mit den Bürgern nicht zu vernachlässigen. Das Stichwort Zivilcourage ist dort, wie in vielen Gebieten illegaler Aktivitäten, einmal mehr eine Grundvoraussetzung für die Verschönerung des Stadtbildes.